Allgäu-Foto, Für Entdecker
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Liebenswertes Obergünzburg – ein fotografischer Streifzug

Obergünzburg - Verkündhaus und Brunnen mit Kirchturm von St. Martin

Seit 22 Jahren wohne ich nun schon bei Obergünzburg, seit 5 Jahren blogge ich, aber noch nie habe ich einen eigenen Blogpost über meinen Heimat-Marktflecken geschrieben. Da musste erst Carolin von Berg- und Flachlandabenteuer eine Blogparade zum Thema Die kleinen Dinge am Wegesrand veranstalten, um mich auf die Idee zu bringen. Komisch eigentlich. Jedenfalls bin ich nun endlich einmal mit der Kamera losgezogen, um „mein“ Obergünzburg zu portraitieren und seine liebenswerten Details festzuhalten.

Detailansichten aus Obergünzburg

Wie sich das für einen Allgäuer Marktflecken gehört, ist die Kirche das prägende Element im Zentrum. Es ist ein besonders schönes Exemplar einer ehemals gotischen Wehrkirche, die im Innenraum sehr gelungen barockisiert wurde. Aber wir sehen sie uns nur von außen an.

Pfarrkirche St. Martin Obergünzburg - Ansicht vom Marktplatz aus

Ein Detail, das man erst auf den zweiten Blick wahrnimmt, findet sich nämlich an der Außenwand des Chorraumes.

Außenansicht Chorraum der Kirche St. Martin in Obergünzburg

Hier steht nämlich die Replik eines römischen Altarsteins, der dem Gott Merkur geweiht war und an dieser Stelle gefunden wurde. Das ist nicht so überraschend: Merkur war der Gott der Reisenden (sowie der Kaufleute und der Diebe), der auch entlang der römischen Straßen verehrt wurde. Die heutige Kirche St. Martin wurde quer über die frühere Römerstraße gebaut und zwar offensichtlich an einer Stelle, die schon vor vielen Jahrhunderten einen sakralen Charakter hatte.

Altarstein des Gottes Merkur an der Ostseite der Pfarrkirche St. Martin in Obergünzburg

So sieht die Kirche übrigens an der gegenüberliegenden Westseite aus:

Rückseite der Pfarrkirche St. Martin in Obergünzburg mit Figur des Heiligen Martin

Hier findet sich ganz einsam an der Wand eine Figur des Kirchenpatrons, der etwas ermattet gen Sonnenuntergang blickt.

Skulptur des Heiligen Martin an der Außenwand der Pfarrkirche St. Martin in Obergünzburg

Oben im Titelfoto habt ihr schon den Brunnen gesehen, der vor dem so genannten Verkündhaus an der Kirche steht. Die Brunnenfigur ist ein Mohr, der ein Wappenschild trägt. Das von den Einheimischen liebevoll „Mohrenbüble“ genannte Knäblein verdankt seine Existenz allerdings einer Fehlinterpretation des Obergünzburger Wappens. Es zeigte ursprünglich nämlich die Heilige Hildegard über den drei Wellen, die für die Günz stehen. Die ehrwürdige Dame war aber in den alten Urkunden so nachgedunkelt, dass man sie für einen kleinen Afrikaner hielt und diesem ein Denkmal setzte. Frühes Multikulti sozusagen.

Mohrenbüble-Figur auf dem Brunnen vor der Obergünzburger Kirche

Wie sich das gehört, steht gegenüber der Kirche eine zünftige Wirtschaft, nämlich der Gasthof Goldener Hirsch. Dort speist man übrigens ganz vorzüglich.

Gasthof Goldener Hirsch in Obergünzburg

Der Name ist sehr treffend in diesem Wirtshausschild visualisiert.

Goldener Hirsch am Gasthof Goldener Hirsch in Obergünzburg

An der Rückseite der Wirtschaft befindet sich der Hirschsaal, der als Gemeindesaal dient. Dort hängt über dem Eingang ein weiterer Hirsch:

Hirschkopf aus Bronze (?) am Hirschsaal in Obergünzburg

Er hat eine leichte 70er-Jahre-Anmutung. Genau wie dieses Ornament an der Hausmauer daneben.

70er-Jahre-Ornament an einer Hausmauer in Obergünzburg

Von hier aus blickt man auf die Poststraße, in der sich früher einmal tatsächlich die Post befand. Das Gebäude steht noch; es wird aber nur noch als Verteilstelle genutzt, die Schalter sind schon lange geschlossen. Schade, es ist ein so schönes Haus.

Die frühere Post in Obergünzburg - Außenansicht

Nicht nur die Lampe ist kunstvoll geschmiedet, auch die Fenstergitter zeigen Liebe zum Detail.

Stern am fenstergitter der früheren Post in Obergünzburg

Heute muss man schon genau hinsehen, um zu erkennen, dass es hier einmal um Geldgeschäfte ging.

altes Werbeschild im Fenster der früheren Post in Obergünzburg

Gleich ums Eck liegt der Alte Markt. Hier befindet sich ein hübscher kleiner Brunnen.

Brunnen am alten Markt in Obergünzburg

Der Fuhrmann auf dem Brunnen blickt eigentlich ganz wohlgemut in die Gegend. Da sich am Alten Markt mehrere Gaststätten befinden, hatte aber wohl jemand Mitleid mit ihm und hat ihm zwei Schnäpschen spendiert.

Brunnenfigur mit leeren Schnapsfläschen am Alten Markt in Obergünzburg

Die Obergünzburger haben einen eigenwilligen Deko-Geschmack

Das zeigt sich zum Beispiel am örtlichen Steinmetzbetrieb. Die Stelenreihe am Parkplatz  ist sehr geschmackvoll arrangiert.

Stelenreihe am Steinmetzbetrieb Rudolph in Obergünzburg

Abgeschlossen wird sie überraschenderweise mit einem Nilpferdkopf. Wie es den wohl ins Günztal verschlagen hat?

Skulptur eines Nilpferdkopfs aus Stein

Gleich gegenüber befinden sich ein paar der wenigen Graffiti-Werke im Ort. Ich mag besonders den Kerl mit dem riesigen Kopf und den tiefen Augenringen. Bestimmt ist dieses Werk nach einer langen, durchzechten Nacht entstanden …

Graffitto aus Obergünzburg

Deutlich fröhlicher geht es in der Werkstatt des Schusters zu (ja, in Obergünzburg gibt es noch ein Schuhgeschäft mit einem echten Schuhmachermeister!). Jedenfalls auf dem Bild über dem Eingang.

Schuhhaus Dietrich - Lüftlmalerei

Viele Obergünzburger gestalten ihre Gärten sehr liebe- und fantasievoll. Hier hat zum Beispiel jemand einen neuen Verwendungszweck für alte Geräte gefunden:

alte Hebemaschine als Blumentopfhalter in einem Obergünzburger Garten

alter Kanonenofen als Pflanzschale

Andere haben eine Schwäche für lustige Vögel:

Metallblumentopf mit lustigem Vogel

komische Vögel an der Hausnummer 13

Ob das Dreier-Rad jemals benutzt wurde? Es ist jedenfalls sehr dekorativ:

Tandem für Drei

Holz vor der Hütte haben in Obergünzburg viele gestapelt, wie es im ganzen Allgäu üblich ist. Aber diesen Stapel finde ich außergewöhnlich – nicht zuletzt, weil er sich offensichtlich um den Stamm herum aufbaut, von dem er geschlagen wurde.

ungewöhnlicher Holzstapel vor einer Hütte

Ich hoffe, ich konnte euch ein wenig von dem vermitteln, was meinen Heimat-Marktflecken so besonders macht.

Und das ist noch nicht alles …

Falls ihr Obergünzburg einmal persönlich besuchen möchtet, empfehle ich euch auf jeden Fall, die Kirche St. Martin zu besichtigen. Auch die ungewöhnliche Südsee-Sammlung ist einen Besuch wert. Gut essen könnt ihr im Goldenen Hirschen und im Gasthaus zum Lamm. Ganz in der Nähe befinden sich der Wald-Wissen-Spielplatz in Eschers sowie die Teufelsküche, eines der 100 schönsten Geotope Bayerns. Nach einer Erkundung der Teufelsküche lockt die Liebenthann-Mühle zur Einkehr. Südlich von Obergünzburg liegt übrigens die Gemeinde Günzach, in der die Günz entspringt. An der Günzquelle könnt ihr an warmen Tagen eure Füße im eiskalten Wasser baden. Ihr seht: Eine Fahrt ins Günztal lohnt sich …

5 Kommentare

  1. Hallo Barbara
    Tolle Idee. Ich muss daß unbedingt mal bei mir im Ort machen. Man geht immer die gleichen Wege und schaut so selten um die Ecke.
    Gruß
    hebb

    • Barbara sagt

      Ja, das stimmt, deswegen hat mich die Idee von Carolin ja so elektrisiert. Aber nicht nur das: Mit dem „Auftrag“, die kleinen Dinge anzusehen, sieht man tatsächlich anders. Den Nilpferdkopf zum Beispiel hatte ich vorher noch nie bewusst wahrgenommen, obwohl ich mindestens einmal in der Woche dran vorbeiradle.

  2. Hallo Barbara!

    Ersteinmal herzlichen Dank fürs Mitmachen!
    So viele interessante, lustige und sonderbare Kleinigkeiten hast Du da entdeckt! Und wie Du schon schreibst, genau solche Sachen machen einen Ort liebenswert!
    Ich habe jetzt durch Deinen Bericht und die tollen Fotos wieder richtig Lust bekommen, in meinem scheinbar langweiligen Wohnort auf Suche zu gehen. Mal sehen, ob ich auch so ein lustiges Graffiti-Männchen finde!
    Liebe Grüße
    Carolin

    • Barbara sagt

      Liebe Carolin, ich habe zu danken – ohne Deine Blogparade wäre ich ja gar nicht auf die Idee gekommen! Und das wäre doch schade gewesen 🙂

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