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Exotik im Allgäu: die Südseesammlung Obergünzburg

Geheimnisvolle Tatanua-Masken in der Südseesammlung Obergünzburg

Südseesammlung Obergünzburg, das klingt erst einmal komisch: Was macht denn eine Sammlung von Kunst- und Kultgegenständen aus der Südsee in einem beschaulichen Allgäuer Marktflecken? Die Frage stellen sich wahrscheinlich die meisten Menschen, die zum ersten Mal etwas von diesem Museum hören. Die Sammlung hat eine lange Geschichte, das Museum aber eine kurze, denn es besteht erst seit 2009. Aber alles der Reihe nach:

Ein Besuch in der Südseesammlung Obergünzburg

Die Südsee liegt in Obergünzburg gleich neben dem Heimatmuseum. Das moderne Gebäude soll mit seinen Farben und seiner Bauweise an die Südsee erinnern. Auf jeden Fall bildet es einen interessanten Kontrast zum traditionellen Allgäuer Baustil.

Außenansicht Heimatmuseum und Südseesammlung Obergünzburg im Winter

Beim Näherkommen entdeckt man das Logo der Südseesammlung, nämlich das kleine Männchen mit dem großen Hut, das hier im Winter kalte Füße bekommt. Es handelt sich dabei um ein religiöses Symbol der Südsee-Insulaner, das so genannte Kokorra-Motiv.

Logo der Südseesammlung Obergünzburg - Kokorra-Motiv

Drinnen erwartet den Besucher erst der Empfang durch engagierte Mitarbeiter und dann eine kleine Überraschung: Es geht nämlich mit dem Aufzug virtuell mitten durch die Erdkugel, bis man auf der gegenüberliegenden Seite in Melanesien ankommt. Eine sehr hübsche Idee, die der Einstimmung auf eine fremde Welt dient.

Südseesammlung Obergünzburg - im Aufzug nach Melanesien

Melanesien heißt übrigens das Pazifik-Gebiet, in dem Neuguinea, das Bismarck-Archipel, die Salomonen, Vanuatu, Neukaledonien und Fidschi liegen.

Willkommen in der Südsee!

Geheimnisvoll dunkel ist es hier – nur die Vitrinen und Bildschirme leuchten hell.

Bildschirme und Vitrine in der Südseesammlung Obergünzburg

Ihr könnt die Südseesammlung Obergünzburg auf eigene Faust, mit einem Audioguide oder mit einer Führung besuchen. Letzteres empfehle ich, weil es mit Erklärungen und der Möglichkeitn zum Nachfragen noch viel interesssanter ist. Fragt einfach am Empfang danach, die Führungen erfolgen nicht nach festem Zeitplan, sondern nach Bedarf.

Aus dem Leben der Südsee-Insulaner

Eines der vielen Highlights der Sammlung ist eine originale Hütte, wie sie noch heute von Bewohnern der Südsee errichtet werden. Tatsächlich wurde diese Hütte von vier Insulanern aus Vanuatu persönlich aufgebaut. Sie ist also nicht nur exotisch, sondern auch authentisch.

Originale Südsee-Hütte samt Innenausstattung

Ein bisschen spartanisch vielleicht von der Einrichtung her, aber das Klima auf Vanuatu ist eben milder als im Allgäu. Die Palmwedel links in der Öffnung signalisieren übrigens, dass gerade kein Besuch erwünscht ist. Für den Fall, dass trotzdem jemand eindringen will, stehen die Ahnenmasken gleich gegenüber. Wenn die grimmig rausschauen, traut sich keiner hinein, der nicht hereingebeten wird.

Ahnenmasken in der Südsee-Hütte

Beim Wohnen sind die Bewohner der Südsee nicht sehr anspruchsvoll, beim Herstellen von Kunst- und Kultgegenständen sehr geduldig und beim Fischen geschickt. Das zeigen kurze Filme aus dem heutigen Melanesien. Es kaum zu glauben, aber in kleinen Einmannbooten wie diesen und mit einfachsten Waffen erlegen die Insulaner sogar Haie.

traditionelles Einmannboot aus der Südsee

Auf den Paddeln findet sich wieder das Kokorra-Motiv, das sich in Variationen durch die Kunst der Insulaner und durch das Museum zieht.

bemalte Paddel aus der Südsee - Kokorra-Motiv

Vieles aus dem Leben der Südsee-Völker stammt aus dem Meer. Waffen zum Beispiel.

Mantarochen und Waffen - Artefakte aus der Südsee

Auch sie werden gerne figürlich geschmückt.

Ahnenfigur am Waffengriff

Oder Muscheln, aus denen nicht nur Schmuck, sondern auch Geld angefertigt wird. Die traditionelle Währung in der Südsee sind nämlich solche Muschelketten.

Geldschnüre aus der Südsee

Fremdartig: Kultfiguren und Seelenurnen aus der Südsee

Sehr faszinierend fand ich die diversen Figuren und Masken. Links seht ihr eine so genannte Uli-Figur, rechts eine kunstvoll gestaltete Seelenurne.

idealer Häuptling (Uli-Figur) und Seelenurne in der Südseesammlung Obergünzburg

Frauen scheinen in der Südsee keine besonders gute Position zu haben. Um es mit den Worten unserer Führerin zu sagen: „Es gibt eine ganz klare Rangordnung: Erst kommen die Männer, dann die Kinder, danach die Schweine – und dann erst die Frauen.“

Zumindest aus weiblicher Sicht ist in der Südsee also nicht alles besser …

Aber die Uli-Figur ist in dieser Hinsicht sehr interessant. Sie hat nämlich sowohl Brüste als auch einen Penis (den habe ich hier nicht fotografiert). Das zeigt keine frühe Form eines Transgender-Bewusstseins im westlichen Sinne, sondern soll die Eigenschaften eines guten Anführers verdeutlichen. Der soll nämlich männliche und weibliche Eigenschaften vereinen, also gleichzeitig stark und fürsorglich sein, gut zuhören, aber bei Bedarf auch hart zuschlagen können.

Uli-Figur in der Südseesammlung Obergünzburg

Schräg gegenüber steht eine so genannte Malanggan-Figur, die als „Seelenurne“ angefertigt wurde. Sie sieht etwas gruselig aus, weil die Augen aus Turbanschneckendeckeln so lebendig wirken. Nach Vorstellung der Südseebewohner geht die Lebensenergie eines Verstorbenen im Rahmen einer Zeremonie in diese Figur ein und überträgt sich dann von dort auf den Clan. Sobald das passiert ist, ist die Urne „leer“ und wird im Urwald deponiert, um dort zu verrotten und damit wieder in die Natur einzugehen.

Seelenurne in der Südseesammlung Obergünzburg

Blick aufs Dorf

Nach einer Zwischenstation unter einem Sternenhimmel mit den Sternbildern der Südsee führt eine Treppe nach oben. Hier blickt der Besucher über das Dach der unten aufgebauten Hütte, über das Dorf und durch einen Wald aus kunstvoll gestalteten Speeren hinaus aufs Meer.

Wald aus Speeren in der Südseesammlung Obergünzburg

Die Speere lohnen ebenfalls eine genauere Betrachtung:

kunstvoll gestaltete Speerspitzen aus der Südsee

Sehr schön fand ich auch dieses Plaid, das mit seinen Schwarz-weiß-Mustern zeitlos elegant wirkt. Es ist übrigens gar kein Plaid, wie man mir erkärt hat, sondern ein bemaltes/bedrucktes Stück „Tapa“ aus Samoa. Das ist ein Baststoff, der aus der Rinde des Maulbeerbaums gefertigt wird.

Schwarz-weiß-Plaid aus der Südsee

Insgesamt ist die Südseesammlung Obergünzburg ein ungewöhnlich gut gemachtes Museum, dessen fremdartige Exponate respektvoll und informativ präsentiert werden. Die interaktiven Elemente machen den Besuch für Kinder noch interessanter. Mich haben auch die (neuen) Filme und die alten Fotografien aus der Kolonialzeit beeindruckt. Hier kann man wirklich für einen Nachmittag in eine fremde Welt eintauchen.

Und wie kommt nun diese Sammlung ausgerechnet nach Obergünzburg?

Dafür ist ein Mann verantwortlich, der in Obergünzburg geboren wurde, in jungen Jahren seine Liebe zur See entdeckte und später jahrelang als Kapitän durch die Südsee fuhr: Karl Nauer (1874 – 1962).

Er hatte ein aufregendes Leben: Seine Eltern waren einfache Leute, nämlich Seifensieder. Karl sollte Pfarrer werden, verliebte sich aber auf einer Reise an den Bodensee ins große Wasser und in die Schiffe. Mit 16 wurde er Schiffsjunge auf einem dänischen Schiff, mit 32 Kapitän auf einem Küstendampfer, der im Inselzubringerdienst im Bismarck-Archipel (damals eine deutsche Kolonie) und den Salomonen eingesetzt wurde. Im ersten Weltkrieg diente er in der Kriegsmarine, nach dem Krieg verlor Deutschland seine Kolonien und Karl Nauer seine Plantagen in der Südsee, die ihm eigentlich ein Auskommen hatten bescheren sollen.

Kurz und erfolglos versuchte er sich als Landwirt im Allgäu, bevor er wieder einen neuen Job als Erster Offizier auf einem Passagierdampfer bekam, der hauptsächlich die Südamerika-Route befuhr. Weil er einem katholischen Geistlichen bei der Flucht vor den Nationalsozialisten geholfen hatte, drohte ihm 1935 die Verhaftung durch die Gestapo. Er entkam, weil seine Mannschaft gewarnt wurde und ihn auf dem Schiff versteckte. Später wurde der Kapitän, der inwzischen geheiratet hatte, Farmer in Argentinien, und das deutlich erfolgreicher als vormals in der Heimat. 1953 und 1957 besuchte er das Allgäu, in das er sogar wieder ganz zurückkehren wollte, weil er im Alter fast erblindet war. Daraus wurde aber nichts mehr, Karl Nauer starb 1962 mit 87 Jahren in Argentinien.

Seine Sammlung von rund 1.500 Artefakten aus der Südsee hatte er bereits 1913 seiner Heimatgemeinde vermacht, die ihn zum Dank zum Ehrenbürger ernannte. Die exotischen Stücke wurden auch früher schon ausgestellt. Die Südseesammlung Obergünzburg in ihrer heutigen Form gibt es aber erst seit 2009.

 

Exotik im Allgäu - Südseesammlung Obergünzburg

Weitere Informationen

Besuchen könnt ihr die Südseesammlung Obergünzburg jeweils mittwochs von 10 bis 12 Uhr und am Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Für Gruppen sind auf Anfrage auch Führungen zu anderen Zeiten möglich.

Da man in diesem sehenswerten kleinen Museum einen sehr unterhaltsamen Nachmittag verbringen und dabei ganz trocken bleiben kann, habe ich es in meine Liste der besten Regenwetter-Ausflugsziele im Allgäu aufgenommen. Dort findet ihr noch weitere Ideen für Unternehmungen an Tagen, die wettermäßig eher nicht an die Südsee erinnern.

Falls ihr nach dem Besuch des Museums noch einkehren möchtet, empfehle ich euch den Gasthof Goldener Hirsch, der gleich neben dem Museum liegt. Dort gibt es für Besuchergruppen auf Anfrage sogar ein eigens kreiertes Südseemenü.

Die Südseesammlung Obergünzburg habe ich übrigens auch auf die Liste der besten Tipps für Ausflüge im Allgäu bei Regen mit Kindern aufgenommen.

Falls ihr Obergünzburg und seine Umgebung noch näher erkunden wollt, empfehle ich euch auch folgende Beiträge:

4 Kommentare

  1. Hallo Barbara,

    das nenne ich mal ein interessantes Museum. Und die Geschichte von Karl Nauer passt perfekt dazu. Das speichere ich mir ab für einen möglichen Besuch. Lieben Dank für den Tipp.

    LG,
    Monika

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