Für Entdecker
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Mondlandschaft mit Tiefgang: Auf dem Grund des Forggensees gibt es viel zu entdecken

Forggensee ohne Wasser an der alten Tiefentalbrücke

Am Montagabend habe ich eineinhalb äußerst spannende Stunden unter der Führung von Magnus Peresson verbracht. Peresson ist der Vorsitzende des Historischen Vereins Alt Füssen e. V. und ein ebenso kundiger wie unterhaltsamer Begleiter. Wir haben eine – wegen der einbrechenden Dunkelheit aus meiner Sicht leider viel zu kurze – Tour durch den Forggensee gemacht. Ja genau, durch den See.

Der Forggensee ist ja nicht natürlich entstanden, sondern ein Stausee, der jeden Winter nach und nach abgelassen wird, um die Versorgung der lechabwärts gelegenen Wasserkraftwerke zu sichern und erst ab dem Frühjahr wieder vollläuft. Dieses Jahr hat man den Wasserpegel wegen irgendwelcher Wartungsarbeiten noch 5 Meter tiefer abgesenkt als sonst, so dass der Forggensee ohne Wasser war bzw. man den größten Teil des Seegrundes begehen konnte. Und da gab es jede Menge interessanter Dinge zu sehen.

Begonnen haben wir unseren Spaziergang am nördlichen Seeufer beim„Toteisloch“ Dietringen

Toteisloch-Dietringen

Toteislöcher gibt es im Allgäu viele, denn sie sind Überbleibsel aus der letzten Eiszeit. Sie sind entstanden, wo ein großer Eisklumpen noch längere Zeit liegenblieb, bevor er endgültig wegschmolz. Früher war dieses Loch bei Dietringen tatsächlich nur eine leere Senke, aber heute läuft es jeden Sommer voll, wenn der Wasserpegel des benachbarten Forggensees steigt.

Toteisloch-Schild

Dann sind wir hinunter gestiegen in die „Mondlandschaft“ , die so seit 60 Jahren nicht mehr zu sehen war. Das hier ist die ehemalige Lechschlucht, die jahrhundertelang von Flößern befahren wurde, die Waren aus dem Allgäu nach Augsburg transportierten.

Forggensee-Lechschlucht

Durch das Aufstauen ist die Gewalt des Lechs nicht mehr spürbar, er wirkt hier eher träge als reißend – das ergibt schöne Spiegelungen im Wasser.

Forggensee-Spiegelung

Wir waren sogar genau zur richtigen Zeit da, um noch das abendliche Alpenglühen einzufangen:

Mondlandschaft-mit-Alpenglühen

Die Legende vom heiligen Magnus und dem Drachen vom Tiefental

Zur Rechten konnten wir die alte Tiefenbachtalbrücke sehen, um die bzw. deren Vorgängerbau sich eine Legende rankt.

Tiefenbachtalbrücke

Sie handelt vom Heiligen Magnus, der als „Sankt Mang“ und Schutzpatron des Allgäus bekannt ist. Der Legende nach hauste im neunten Jahrhundert ein Drache in diesem Tal. Gegen ihn waren schon viele Ritter gezogen, der Drache aber hatte ihre Rösser mit seinem „Pesthauch“ bewusstlos gemacht (wahrscheinlich ein schlimmer Fall von Mundgeruch), woraufhin die Ritter davonliefen und die Pferde als lebendiger Vorrat im Tal des Drachen blieben. Ab und an verspeiste er eines und hing seinen abgeknabberten Kopf dann an einen Baum, weswegen die nahe gelegene Siedlung den Namen „Roßhaupten“ bekam.

Als nun Sankt Mang ins Allgäu kam, zog er, nur mit seinem Wanderstab, einer geweihten Kerze und seinem Glauben bewaffnet, hinunter ins Tiefenbachtal und besiegte den Drachen, indem er ihn mit der Kerze bewarf (na, das war ja einfach). Wenn man einen Blick in der Abenddämmerung in das Tiefenbachtal wirft, kann man sich sogar vorstellen, wie sich hier ein Drache heranschlängelt …

Tiefenbachtaldrache-1

Tiefenbachtaldrache-2

Und was war jetzt wirklich an dieser Brücke los?

Magnus Peresson hat uns den historischen Kern dieser Legende um seinen Namenspatron erzählt: Tatsächlich lief schon seit der Zeit der Römer eine Straße durch das Tal, nämlich die Via Claudia Augusta. Sie blieb nach dem Abzug der Römer noch jahrhundertelang in Benutzung. Allerdings war das Wissen um den Steinbau, auch um den Brückenbau, in den Wirren der Völkerwanderungszeit verloren gegangen, die ansässigen Räter bauten nur mit Holz.

So verfiel nach und nach die Brücke über den Tiefenbach. Die Reisenden waren auf der hölzernen Brücke durch die besonders im Frühjahr nach der Schneeschmelze reißenden Fluten durchaus bedroht. Drachen stehen in christlichen Legenden als Symbol für die nicht beherrschbaren Naturgewalten. Magnus kam aus dem Kloster Sankt Gallen, war aber kein Priester, sondern ein Gelehrter, der alte lateinische Schriften des römischen Baumeisters Vitruvius studiert hatte. Seine Leistung bestand wohl darin, entweder die alte römische Steinbrücke zu renovieren oder eine neue zu errichten.

Römische Reste im Forggensee ohne Wasser

Die Reste der Via Claudia Augusta kann man heute noch sehen – hier als helles Band.

Forggensee-Via Claudia Augusta

Leider wurde es nun schon dunkel, aber auf der hier gerade noch erkennbaren Halbinsel befand sich zwischen 15 v. Chr. und 46 n. Chr. eine römische Zollstation, denn schon damals wurden hier Waren auf Flöße verladen. Man hat dort etliche Bleisiegel gefunden, auf denen jeweils stand, wer der Absender und wer der Empfänger war und welche Ware sich jeweils in einem Ballen oder Paket befand. Es sind einheimische (rätische) Namen, übrigens auch von Frauen, die vor allem Leinen nach Augsburg verschifften. Magnus Peresson hat selbst einige römische Münzen dort gefunden.

Forggensee-Zollstation

Inzwischen dürfte der Wasserpegel schon wieder gestiegen sein und in einigen Wochen ist der Forggensee wieder ein blauer Spiegel in der grünen Landschaft. Früher habe ich mich immer gefreut, wenn der See endlich wieder „schön“ war. Jetzt finde ich es fast schade, denn es hätte noch so viel zu entdecken gegeben, zum Beispiel die Reste einer römischen Villa Rustica und die des ehemaligen Dorfes Forggen, das dem See, der es überflutet hat, seinen Namen gegeben hat. Nächstes Jahr bin ich auf jeden Fall wieder dabei, wenn der Forggensee ohne Wasser ist und Herr Peresson kundig über den Seegrund führt.

Nachtrag 2017: Diesen April habe ich es tatsächlich geschafft, wieder mit Magnus Peresson auf Entdeckungsreise auf dem Grund des Forggensees zu gehen. Tatsächlich haben wir die Reste eines römischen Badehauses gefunden, vor allem aber die Ruinen des gefluteten Dorfs Forggen.

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