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Entdeckungsreise auf dem Grund des Forggensees

Auf dem Grund des Forggensees - Titelfoto

Wer heute im Sommer ins südliche Ostallgäu reist, kann sich kaum vorstellen, dass König Ludwig von seinem Märchenschloss aus nicht auf einen blauschimmernden See, sondern auf einen grünen Talgrund blickte. Darin lagen einige kleine Weiler, dazwischen Wiesen, Heuschober und eine Mühle am Lauf eines mäandernden kleinen Baches.

Der Forggensee ist Menschenwerk

1954 wurden bei Schwangau und Roßhaupten zwei Lech-Staustufen fertiggestellt und der Talgrund geflutet. Gedacht war der Stausee als Hochwasserrückhaltebecken für die stromabwärts gelegenen Gemeinden und als Garant für eine gleichmäßige Stromerzeugung durch Wasserkraft. Für diesen„Fortschritt“ geopfert wurden die Häuser und Höfe im Tal, und das, obwohl einige Anwohner sich heftig wehrten. Heute wissen viele Menschen nicht einmal mehr, dass der See seinen Namen dem versunkenen Weiler Forggen verdankt.

So idyllisch sieht der Forggensee heute im Sommer aus:

Schloss Neuschwanstein vom Forggenseeufer aus gesehen

Richtig voll mit Wasser ist er aber nur zwischen dem 1. Juni und dem 15. Oktober. Über den Winter wird er nach und nach abgelassen und gibt einen großen Teil des Talgrundes wieder frei. Und dann kann man sich auf die Suche nach den Überresten der versunkenen Welt machen.

Mit Magnus Peresson auf Entdeckungsreise auf dem Grund des Forggensees

Der Füssener Architekt und Histriker Magnus Peresson bietet immer wieder Führungen über den Seegrund an, im Frühjahr 2017 ganz offiziell im Auftrag der Gemeinde Schwangau. An einer solchen Führung habe ich teilgenommen. Eines vorweg: Wenn ihr jemals die Gelegenheit habt, mit Magnus Peresson auf Entdeckungsreise zu gehen, solltet ihr sie auf jeden Fall nutzen! Dieser Mann ist ein wandelndes Geschichtsbuch, und seine Erzählungen sind so kurzweilig, dass die Zeit wie im Flug vergeht.

Magnus Peresson - Führung durch eine versunkene Welt

Gestartet sind wir beim Weiler Brunnen und von dort auf ein kleines Inselchen gestiegen, von dem aus man einen schönen Überblick hat. Hier erst mal nach Süden.

Blick auf Brunnen vom Forggensee-Inselchen

Das kleine Gewässer, das ihr hier seht, ist die Aach, die sich durch den Talgrund schlängelt, der die meiste Zeit des Jahres ein Seegrund ist. Ihr habt sie oben auf dem Titelfoto schon gesehen.

Wir aber sind zunächst mit Herrn Peresson einem kleinen Seerest entlang nach Norden gefolgt.

Forggensee - Wanderung in eine versunkene Welt

Unser nächster Haltepunkt war dieser Stein. Er war einmal ein Eckstein eines Heuschobers. An der Seite erkennt man noch gut das Bohrloch, das im Steinbruch gebohrt und dann mit Wasser gefüllt worden war, damit der Frost den Stein sprengen konnte.

Heuschober-Schwelle auf dem Grund des Forggensees

Weiter ging es Richtung Wasser. Die Aach mäandert hier gemütlich vor sich hin. Man kann gut sehen, wo sie etwas abträgt und wo sie es wieder anlagert.

Das Bett der Aach, Kies und Baumstümpfe

Besonders fasziniert hat mich, dass auch nach über 60 Jahren die Baumstümpfe noch aus dem Boden ragen. Sie klammern sich genauso hartnäckig am Boden fest, wie es die Überreste der menschlichen Behausungen tun.

Die Aach windet sich wie eine Schlange durch den Seegrund

Versunkene Heimstätten im Forggensee

Erstaunlicherweise noch gut erhalten ist der Gewölbekeller der früheren kurfürstlichen Mühle.

Gewölbe einer versunkenen Mühle

Ringsum verstreut liegen die Reste einiger Häuser.

Fundament eines Hauses auf dem Seegrund

Ruinen des Weilers Forggen

Hier war einmal die Küche eines Hauses – der Wasseranschluss zur Spüle hat dem Wasser des Sees standgehalten.

Anschlussrohr in den Trümmern der Küche

Auch einige Ziegelreste sind erhalten.

Ziegelreste in den Trümmern von Forggen

Es ist ein eigenartiges Gefühl, zwischen diesen Trümmern umherzugehen. Die Menschen, die dort einst gelebt haben, haben ihre Häuser schließlich nicht freiwillig verlassen. Ihre kleine Welt ist einfach untergegangen.

Seegrund und Mauerreste

Gleich nebenan hat das Wasser die Reste eines Badehauses freigespült, das einst zu einer römischen Villa Rustica gehört hatte. Sie hatte vermutlich die Bewohner von Forggen zur Sage vom versunkenen Dorf inspiriert, die Magnus Peresson so erzählte, wie seine Großmutter sie ihm erzählt hatte. Sie musste es wissen, denn sie stammte ebenfalls aus Forggen.

Reste eines römischen Badehauses im Forggensee

Peresson hat hier schon Hohlziegel aus dem Hypocaustum gefunden, Rohglas und Münzen. Das versunkene Dorf ist ein archäologisches Schatzkästlein, das sich durch Wind und Regen immer wieder einmal öffnet.

Der Seegrund hat seine eigene Ästhetik

Trotz der traurigen Geschichten ist der Ort voller Schönheit. Von hier aus scheint Neuschwanstein zum Greifen nah zu sein.

Neuschwanstein - zum Greifen nah!

Das Wasser zeichnet eigenwillige Strukturen in den hier lehmigen Boden, die eine geradezu meditative Stimmung erzeugen.

Seegrund - Lehmstruktur

Seegrund - Lehmhäufchen

Seegrund - Kiesmuster

Es ist Zeit, sich auf den Heimweg zu machen …

Fußspuren auf dem Grund des Forggensees

Dabei wäre weiter östlich noch ein früheres Moor mit gespenstisch weißen Baumstümpfen zu entdecken, dazu noch die Reste der alten Römerstraße. Die alte Tiefentalbrücke wartet im Norden; dort waren wir vor drei Jahren schon einmal abends mit Herrn Peresson unterwegs (hier findet ihr meinen Post dazu). Für nächstes Jahr plane ich jedenfalls wieder eine Entdeckungsreise auf dem Grund des Forggensees – vielleicht finde ich ja auch mal eine römische Münze.

Entdeckungsreise auf dem Grund des Forggensees

2 Kommentare

    • Barbara sagt

      Ja, und nächstes Jahr sehen wir uns noch das versunkene Moor mit den gebleichten Bäumen an und suchen nach den sonstigen Resten der Villa Rustica …

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