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Günzach: Wo die Günz entspringt und der Schiefergraue Alpenstrudelwurm haust

Formal wohnen wir in Günzach (hinter unserem Haus beginnt das Gemeindegebiet von Obergünzburg), deswegen ist es vermutlich angemessen, den ersten Eintrag in diesem Blog dieser kleinen Gemeinde tief im Allgäu zu widmen. Günz-ach heißt wörtlich Wasser-Wasser, denn „günz“ ist das keltische Wort für fließendes Wasser und „ach“ das germanische. Den doppelt-gemoppelten Namen trägt der Ort zu Recht, denn hier entspringt die östliche Günz, die sich erst als Rinnsal, dann als Bach nach Norden schlängelt, bis sie sich bei Lauben mit der westlichen Günz vereinigt und schließlich als richtiger Fluss bei Günzburg in die Donau mündet.

Die bis dahin eher unspektakuläre Günzquelle wurde im Rahmen eines Dorfverschönerungsprojektes 2011/12 neu eingefasst und umgestaltet; bei der Gelegenheit hat man sie etwa 80 Meter nach Osten verlegt und eine kleine Anlage mit Info-Tafel, Ruhebänken, Kneippbecken und Spielplatz dazu gebaut. Das Ensemble wirkt etwas künstlich, aber doch ganz hübsch.

Die Günzacher Fauna ist übrigens eine ganz besondere: Mitarbeiter des Kemptener Wasserwirtschaftsamtes entdeckten beim Quellenumzug die seltene Bayerische Quellschnecke und den berühmten Schiefergrauen Alpenstrudelwurm in trauter Eintracht. Diese wurden vor Beginn der Bauarbeiten um- und nach Abschluss wieder zurückgesetzt. Leider sind die Schnecklein so klein, dass man sie mit bloßem Auge kaum sieht, ihr solltet also aufpassen, wenn ihr das neue Kneipptretbecken nutzt – nicht, dass ihr nebenher die einzigartige Weichtierpopulation dezimiert!

Günzach ist auch ein High-light für Eisenbahnfans, denn hier ist der am höchsten gelegene zweigleisige und noch immer befahrene Bahnhof Deutschlands.

Der Bahnhof wurde 1853 übrigens nur deswegen in Günzach gebaut, weil die Obergünzburger ihn nicht wollten. Die braven Bürger dort hatten nämlich Bedenken, dass die Bahn allerlei „herumreisendes Gesindel“ in ihren beschaulichen Marktflecken locken könnte. Tatsächlich brachte die Bahn aber die Ansiedlung von Betrieben und neuen Einwohnern, nur 1945 war sie die Ursache für ein Unglück, als ein mit Flüchtlingen und Munition beladener Zug von Tieffliegern angegriffen wurde und explodierte. 39 Tote gab es damals. Meine Schwiegermutter erinnert sich noch an den großen Knall und die Aufregung danach.

Bei den Erdarbeiten für den Bahnhofsbau wurden 1851 die Reste eines römischen Gutshofs gefunden, der wohl im Rahmen eines Alamanneneinfalls im dritten Jahrhundert nach Christus zerstört und aufgegeben wurde. Von der Villa Rustica ist heute nichts mehr zu sehen, aber dieser Gedenkstein erinnert an sie – und wie ihr im Bild unten in der Galerie seht, achten die Günzacher darauf, dass wenigstens der Stein sichtbar bleibt.


Größere Kartenansicht

Zur Ortsgeschichte:

Günzach ist ein typisches „Straßendorf“, das sich entlang der Staatsstraße 2012 hinzieht und mit einigen Weilern, die ebenfalls zum Gemeindegebiet gehören, auf etwa 1.500 Einwohner kommt.

Das insgesamt eher unscheinbare Dorf ist etwa 300 Jahre jung; 1730 wurde hier ein Jagdschloss der Stiftes Kempten gegründet und eine Brauerei gleich dazu, damit die frommen Herren nach der Jagd nicht durstig bleiben mussten. Die Reste von Schloss und Brauerei (diese wurde 1930 geschlossen) könnt ihr heute noch sehen, wenn ihr von Kraftisried und Albrechts her nach Günzach fahrt, gleich rechts nach dem Bahntunnel. Nach und nach entstanden im Umfeld der Brauerei ein paar Höfe und eine Mühle.

Einen Wachstumsschub brachte Mitte des 19. Jahrhunderts der Bau der Eisenbahnlinie München-Lindau, denn 1853 erhielt Günzach einen eigenen Bahnhof, an dem heute noch etwa alle zwei Stunden ein Zug hält. 1919 gründete der Großvater meines Mannes in einer ehemaligen Ölmühle eine Stepp- und Daunendeckenfabrikation. Den Firmennamen „LIMA“ bildete er aus den Anfangsbuchstaben seines Nachnamens: Er hieß Franz Linzmayer. Das Unternehmen besteht heute noch als Bettenfachgeschäft mit angeschlossener (kleiner) Fertigung, allerdings etwas außerhalb des Ortes in Richtung Obergünzburg.

1923 wurde gleich neben dem Bahnhof eine Papierfabrik gebaut, die es heute noch gibt und die der größte Arbeitgeber in der Gemeinde. Die nächste Wachstumswelle setzte nach dem zweiten Weltkrieg ein, als viele Vertriebene mit der Bahn im Günztal ankamen und sich dort ansiedelten. 1953 wurde die Kirche Mariä Himmelfahrt eingeweiht.

1 Kommentare

  1. Ulrich Volkmer sagt

    Hallo,

    Sie erwähnen den Tieffliegerangriff am 25.04.1945 am Bahnhof Günzach mit 39 Toten. Meine Mutter, damals 19 Jahre alt, war in diesen Tagen in Günzach und beteiligte sich an der Bergung der Toten, darunter viele Kinder.

    Gruß
    UV

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