Für Kulturfans
Schreibe einen Kommentar

Rezension: „Der Notwender“ von Peter Dörfler

Heute stelle ich einen Roman vor, seit dessen Erscheinen schon ziemlich viel Wasser die Iller hinunter geflossen ist. Ich fand ihn trotzdem unterhaltsam und spannend:

Karl Hirnbein, der „Käsepionier“, war ein für die wirtschaftliche Entwicklung des Allgäus wichtiger Unternehmer und Politiker des 19. Jahrhunderts. Sein Leben verarbeitete der Priester und Autor Peter Dörfler romanhaft in seiner „Allgäu-Trilogie“, die in den Jahren 1934 bis 1936 entstanden ist. Band 1 trägt den Titel „Der Notwender“ und ist im Franz Brack Verlag in einer Auflage von 1996 erhältlich.

Zum Inhalt

Die Geschichte beginnt bereits 1788, als der älteste Sohn eines Bauern aus Betzigau auf sein Erbe verzichtet, weil er seine große Liebe heiraten will – ein schönes Mädchen, das aber leider keine Mitgift mitbringt. Dieser Franz Michael Flachsmayr zieht mit seiner Braut nach Missen, wo er Flachs anbaut. Die junge Frau stirbt allerdings bald im Kindbett, und der Witwer heiratet ein zweites Mal, diesmal eine sehr fleißige und geschickte Weberin. Sie bekommen nach und nach zwölf Kinder, von denen aber nur fünf überleben. Franz Michael bleibt schwermütig und verbittert, weil er in Armut leben muss und keine Zukunft für seine Familie sieht. Die Nachfrage nach Leinen geht nämlich allmählich zurück, weil die billigeren Baumwollstoffe aus den englischen Fabriken mehr und mehr Käufer finden.

Am Tag vor Lichtmess im Februar 1828 fährt Franz Michael mit seinem zweiten Sohn Klaus nach Immenstadt, um dort sein Leinen zu verkaufen. Die Preise sind schon wieder gesunken, die Weber sind verzweifelt und murren gegen die Politik. Aber Johannes Hirnbein, der Vorsteher von Missen, klärt sie darüber auf, dass es schlicht der Fortschritt ist, der die Weber brotlos macht. Klaus beneidet Hirnbeins Sohn Karl (die beiden sind gleichaltrig) um seinen weltgewandten und wohlhabenden Vater. Der verzweifelte Franz Michael Flachsmayer aber spricht reichlich dem Alkohol zu, bevor er auf dem Heimweg den schlafenden Klaus mit dem Schlittenpferd allein weiterziehen lässt und sich selbst vor einen Bildstock kniet, wo er im Eiswind erfriert.

In den Folgejahren hat es die Flachsmayr-Familie nicht leicht. Mutter Elsa erwirtschaftet mit Müh und Not den Lebensunterhalt. Klaus Flachsmayr und Karl Hirnbein gehen zusammen in die Schule, aber nach weiteren drei Jahren muss Klaus zu einem Weber in die Lehre, während Karl auf die Industrieschule nach Kempten geschickt wird. Danach kreuzen sich ihre Wege mehrmals. Klaus hasst den Beruf des Webers und schlägt sich als Wandergeselle durch. Karl wird von seinem Vater mit Aufgaben betraut, die ihn zum Führen des großen elterlichen Betriebs befähigen sollen. Einmal soll er Rinder über die Alpen nach Italien bringen und Klaus, der kräftiger und mutiger ist als er, übernimmt dabei eine Führungsrolle.

Der Sohn des reichen Vorstehers von Missen ist schon lange in Klaus‘ jüngere Schwester Marie Ev verliebt, aber die Standesunterschiede zwischen ihnen lassen eine Verbindung unmöglich erscheinen. Die Hirnbein-Eltern haben schon deutlich gemacht, dass nur eine wohlhabende Braut aus einer angesehenen Familie infrage kommt. Außerdem hat Karl aus Italien die Idee mitgebracht, im Allgäu haltbareren Käse als die schnell verderblichen Sorten zu produzieren, die es bisher gab. Dieser Idee widmet er sich mit aller Kraft, geht nach Norden und bringt von dort sogar einen wallonischen Sennmeister mit, mit dem er Limburger Käse im Allgäu herstellen will.

Klaus hat nach eine Schlägerei Ärger mit der Obrigkeit und versteckt sich zunächst bei seinem Schwager, später bei Johannes Althaus auf dessen Alpe. Althaus ist Schweizer und hat aus seiner Heimat das Wissen um die Herstellung des Emmentalers mitgebracht. Er ist eine Berühmtheit seiner Zeit, trotzdem denken die meisten Allgäuer Bauern, dass man aus ihrer Milch einfach keinen guten Käse machen kann. Das stimmt sogar, denn die Bauern verwenden allen Dünger (Gülle und Mist), den sie haben, für die etwas besseren Böden, auf denen sie Getreide anbauen. Das Grünland ist entsprechend mager und die Milch deswegen auch.

Klaus verliebt sich in das Mädchen Nobburg, das den Sommer auf der Alpe verbringt. Nach einem Fest, zu dem viele Leute aus dem Tal kommen, muss er Althaus verlassen. Er betätigt sich als Pferdeschmuggler nach Italien (es ist die Zeit des österreichisch-italienischen Krieges) und versucht, damit genügend Geld zu verdienen, um seine Familie zu unterstützen. Karl Hirnbein schafft es derweil endlich, das erste Stück guten Romadurs zu produzieren und beginnt sofort, Verkaufskontakte in die großen Städte aufzubauen. Marie Ev heiratet ihren verwitweten Schwager. Sie ist realistisch genug um zu wissen, dass der reiche und angesehene Karl, der noch dazu der einzige Sohn seiner Eltern ist, keine arme Weberstochter aus zweifelhafter Familie heiraten wird.

Hier endet Teil 1 der Allgäu-Trilogie.

Meine Bewertung von Der Notwender

Mir hat das Buch gut gefallen, weil es die Lebensumstände der damaligen Zeit sehr anschaulich schildert und die Geschichte der beiden Familien geschickt miteinander verwebt. Die dörfliche Enge, die drückende Armut und die mangelnden Perspektiven für die Menschen werden ebenso spürbar wie die bei aller Frömmigkeit sehr materialistische und standesbewusste Einstellung, die damals in der Bevölkerung herrschte. Im Zweifelsfall zählten Geld und Besitz wesentlich mehr als Tugend, Schönheit oder gar Liebe. Die Sprache ist naturgemäß eher altmodisch, aber durchaus angenehm zu lesen, Fußnoten erklären die Begriffe, mit denen ich nichts anfangen konnte. Ich bin schon gespannt auf Band 2, der den Titel „Der Zwingherr“ trägt, aber leider nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Falls ihr neugierig geworden seid und „Der Notwender“ selbst lesen möchtet: Ihr könnt das Buch Allgäu-Trilogie / Der Notwender bei Amazon bestellen.

Übrigens: Zwischen Weitnau und Missen gibt es heute den sehr schönen Karl Hirnbein-Weg, den ich mit meiner Familie schon gegangen bin. Den Bericht dazu findet ihr hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.